An jedem Morgen sollten sie stehen, zu danken und zu loben den HERRN, und ebenso an jedem Abend. (1. Chronik 23,30)

Dem Tag einen geistlichen Rahmen geben.

Die wunderschönen Morgen- und Abendlieder in unserem Gesangbuch nehmen diese Haltung auf. Ich erinnere mich, dass wir früher in meiner Herkunftsfamilie diese Lieder immer wieder gemeinsam gesungen haben. Viele von Ihnen trage ich noch heute im Herzen. Auch Luthers Abend- und Morgensegen rahmen den Tag, sind wie Türen durch, die ich gehen kann. Meine Rituale, die meinem Tag einen geistlichen Anfang und einen Abschluss geben, haben sich im Laufe der Jahre verändert. Aber ich merke, wie wichtig sie für mich sind.

Wie beginnen Sie Ihren Tag?

Wie begrüßen Sie den neuen Tag, Leben aus Gottes Hand?

Was können wir tun, damit wir nicht in den Tag hineinstolpern?

Ich versuche bewusst in den Tag zu gehen.

Ich stelle mich ein auf den neuen Tag, richte mich aus, auf das was vor mir liegt. 

Manchmal helfen mir die Herrnhuter Losungen dabei.

Oder ein Liedvers:

„Führe mich, o Herr, und leite meinen Gang nach deinem Wort …“ (EG 445,5)

 

Und wie beschließen Sie Ihren Tag?

Wie geben wir unseren Tag zurück?

„Diesen Tag, Herr, leg ich zurück in deine Hände, denn Du gabst Ihn mir … (EG 671,1)

Ich lasse ihn noch einmal Revue passieren.

Ich versuche das Schöne und Beglückende, aber auch das Schwere und Belastende noch einmal wahrzunehmen und loszulassen. Das, was gewesen ist, ins Gebet bringen.

Im reichen Fundus der christlichen Frömmigkeit begegnet mir dazu das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“, eine Anleitung, den Tag zu bedenken und darin auch die Spuren von Gottes Nähe wahrzunehmen.

Ein junger Religionslehrer hat mir kürzlich eine einfache und sehr einprägsame Weise des Rückblicks eröffnet, die ich Ihnen weitergeben möchte. Er hat davon berichtet, dass er mit seinen Schüler*innen folgende Übung macht. Er bittet sie ihre Hand mit den Fingern anzuschauen. Der Reihe nach werden die einzelnen Finger in den Blick genommen.

Zuerst der Daumen. Menschen zeigen den Daumen nach oben, wenn etwas gut war. Der Daumen lädt mich ein, meinen Tag nach dem Schönen und Gelungenen abzuschreiten. Ich bringe es mit Dank vor Gott.

Der Zeigefinger richtet meinen Blick auf das, auf was ich achten möchte, was mir bewusst geworden ist, woran ich denken möchte. Ich bitte Gott mir dabei zu helfen.

Der Mittelfinger gibt allem, was mich aufgeregt und geärgert hat, was mir gegen den Strich gelaufen ist, seinen Raum. Ich lasse es noch einmal da sein und gebe es ab, lasse die Sonne nicht darüber untergehen.

Der Ringfinger erinnert mich an all die Menschen mit denen ich verbunden bin, die mir am Herzen liegen, die Lebenden und die Verstorbenen. Ich bringe sie vor Gott, auch die, um die ich mir Sorgen mache. Ich bitte für sie.

Schlussendlich noch der kleine Finger. Er lädt mich ein auch das in den Blick zu nehmen, was zu kurz gekommen ist in meinem Tag, – bei mir selbst oder in meinem Umgang mit anderen. Auch das will ich ablegen und loslassen. Zuweilen ist es eine versöhnende Brücke in den nächsten Tag.

Mir gefällt diese handhabbare Weise meinen Tag in den Blick zu nehmen. Der Tag mit seinen verschiedenen Gesichtern hat Raum. Das Wesentliche kommt ans Licht.

Dem Tag einen geistlichen Rahmen zu geben, hilft uns Gott in unserem Leben raum zu geben. Von dem wir glauben:

„Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.“ (EG 449,4)