Vortrag von Günther Maier-Flaig, Psychologischer Psychotherapeut und Theologe

Angst ist ein Begleiter unseres Lebens. Über tausendmal kommt das Stichwort auch in der Bibel vor. Die vielleicht bekannteste Stelle steht im Johannesevangelium (16,33): In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost ich habe die Welt überwunden.”

Das eigenartige Wort Jesu: “In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost ich habe die Welt überwunden” klingt wie ein Rätsel. Bei genauerem Hinschauen wird jedoch klar, die Angst gehört zu unserem Leben. Jesu Wort zeigt einen Weg auf. Das ist schön und auch psychologisch wertvoll.

Erstens: Annehmen, dass die Angst zum Leben gehört, das kann der erste Schritt zu einem konstruktiveren Umgang sein. “Alles, was wir annehmen, kann sich wandeln”, sagt die Ärztin und Psychotherapeutin S.Gapp-Bauß. 

Zweitens: Die Welt wird in diesem Wort Jesu als zentrale Angstquelle beschrieben, schließlich gibt es in jedem Leben Krankheit, es finden Naturkatastrophen statt, es gibt schwere Lebenskrisen, Gewalt und Schicksalsschläge. Diese Erlebnisse – zu der auch die kollektive Pandemie gehört – beschreiben das was mit “Welt” gemeint ist.

Drittens: “...ich habe die Welt überwunden”. Das ist ein gewagtes Wort Jesu, hat er doch selbst die Angst kennen gelernt. Und dennoch zeigt es etwas Wichtiges und Richtiges. Er stellt der Angst etwas entgegen. Das ist nicht einfach aber möglich. Kinder machen das auf einfache, natürliche Weise. Wenn sie Angst haben ist der “Teddy” plötzlich böse und sie schimpfen mit ihm obwohl er gerade noch heiß und innig geliebt wurde. Die Angst kann also aus einer anderen Position betrachtet werden, eine Art Beobachterposition. Man  kann die Angstgefühle aufschreiben, malen oder jemandem anvertrauen. Psychologisch nennen wir das ‘externalisieren’. Wenn wir es zum Ausdruck bringen können wir es besser betrachten als wenn es nur im Kopf kreist. Das dezimiert die überwältigenden Gefühle.

Menschen werden aber in ihrer Angst auch körperlich unruhig und fahrig.  Der Körper zeigt uns dann, dass er die Spannung in Bewegung umsetzen will. Dies zu tun, löst ebenfalls die Unruhe der Angst.

Viertens: Dass Christus in diesem Wort davon spricht, dass er die Welt und damit die Angst überwunden hat, weist daraufhin, dass der “wahre Mensch”, als der Christus verstanden wird, sowohl die Angst wie die Welt überwindet. Das ist ein Trost für all die, die nicht mehr vor sich selbst weglaufen können. Das ist das Bleibende und Tröstliche in diesem Jesuswort, um mit Paulus zu sprechen:  “Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.” (Gal 2,20)

Auch hier sehen wir, dass es in allem psychologischen und theologischen Reden um das Leben geht: “Ich lebe”. Und dafür lohnt es sich, sich mit der eigenen Angst auch in Zeiten der Pandemie auseinander zu setzen, damit wir den Glauben an das Leben beibehalten.

Günther Maier-Flaig, Psychologischer Psychotherapeut und Theologe